1993 bringt Steven Spielberg Jurassic Park in die Kinos. Keine 15 Jahre später sitzt ein viel zu junges Ich vor eben diesem Dinosaurier-Abenteuer, hat Angst vor den Raptoren und findet in Doktor Alan Grant einen seiner großen Helden. Sam Neill verleiht dem Paläontologen sein Gesicht und ich möchte sein wie er. Ich möchte Dinoknochen ausgraben und ein Experte für die prähistorischen Echsen werden. Damals war mir zwar rational schon klar, dass es sich um Schauspieler handelt, trotzdem sind Sam Neill und Doktor Alan Grant bis heute in meinem Kopf eng verwoben und bis heute hält die Faszination für Jurassic Park und die Figur Alan Grant.
Sam Neill schafft es, dieser Figur eine Note zu verleihen, die man heute wohl als „socially awkward“ bezeichnen würde. Oft weiß Grant nicht, wie er mit den sozialen Situationen umgehen soll. Zwar ist er der größte Experte für Dinosaurier der Welt, doch wenn es um Menschen geht, weiß er manchmal nicht so richtig, wie er sich verhalten soll. Besonders sympathisch wirkt hier die Szene mit Tim. Der Junge teilt Grants Enthusiasmus für Dinosaurier und ist hellauf begeistert, ihn zu treffen. Er möchte mit ihm reden, über Dinos diskutieren und hören, was der Doktor zu erzählen hat. Alan Grant ist jedoch mit dieser Situation komplett überfordert. Wir wissen bereits, dass er Kinder eigentlich nicht mag, und zu keinem Zeitpunkt in diesem Film bekommt man den Eindruck, dass er ein großer Redner sei, abseits von Ausschweifungen über Dinosaurier natürlich. Er möchte aus dieser Situation entfliehen, weiß aber nicht, wie er das anstellen soll. Er steigt in Autos, nur um anschließend wieder auszusteigen und blickt sich ratlos um. In gewisser Weise ist Timmy hier genauso wie ein jüngeres Ich. Ein Ich, das irgendwo tief in mir immer noch existiert, während ich heute tiefe Sympathien für Alan Grant habe, der auf gar keinen Fall jemandem auf die Füße treten will, aber auch nicht in dieser Situation sein möchte. Alan Grant ist jedoch auch jemand, der manchmal das tut, was er fühlt, ohne darüber nachzudenken, ob es der Norm entspricht. Das zeigt sich in der Szene ganz am Anfang, wenn das Kind in der Ausgrabungsstätte sich über den Fund des Velociraptoren lustig macht. Natürlich ist die übermäßig grafische Darstellung davon, wie eben jene Tiere, die der Junge verspottet, ihn jagen würden, etwas übertrieben, jedoch ist ihm das auch bewusst. Das teilt er uns im darauffolgenden Gespräch mit Ellie mit. Dieser Moment unterstreicht Grants Leidenschaft und spricht unser aller Drang an, das nervige, gemeine Kind zum Schweigen zu bringen.
Vor allem aber sind es Grants Heldentum und Selbstlosigkeit, gespielt von Sam Neill mit einer Selbstverständlichkeit, die diese Figur zu der macht, die sie ist. Denn auch wenn Alan Grant selber behauptet, keine Kinder zu mögen, zögert er dennoch nicht, sein Leben zu riskieren, um Timmy und Lex zu retten. Er denkt nicht darüber nach, den Tyrannosaurus mithilfe einer Leuchtfackel abzulenken. Er tut es, weil es das Richtige ist. Natürlich hat er das nötige Wissen, um aus dieser Situation wieder herauszukommen, aber auch wenn Ian Malcolm seinen Plan torpediert, bleibt er bei seinem Vorhaben, die Kinder zu retten. Auch in Situationen, mit denen er sich weniger gut auskennt, bleibt er ruhig und steht den Geschwistern bei. So rettet er Timmy aus in Bäumen feststeckenden Autos und leitet Reanimationsmaßnahmen ein, wenn die Zäune wieder eingeschaltet werden. Vor allen Dingen schafft er aber für die Kinder eine Atmosphäre, in der sie keine Angst mehr haben. Mit diesem beruhigenden Effekt begleitet Alan Grant Hammonds Enkel und auch mich durch den Jurassic Park. Wenn Doktor Grant dabei ist, kann nichts passieren, schließlich passt er auf.
Egal wie oft ich Jurassic Park schaue, ich bekomme jedes Mal Gänsehaut bei der Musik von John Williams, staune mit Alan und Ellie über die zum Leben erweckten Urzeitriesen, bange um die Figuren bei jeder Begegnung mit den fleischfressenden Dinos und lache über die Witze des Filmes. Jedes Mal wird Alan Grant erneut mein Idol, wie er es schon vor all den Jahren wurde, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe. Und in Zukunft werde ich den Film auch immer mit einem weinenden Auge sehen, weil Sam Neill, das Vorbild meiner Kindheit, von uns gegangen ist. Nach dem erstmaligen Rewatch nach dem Ableben des Schauspielers war es vor allem die letzte Einstellung von ihm, die mich besonders getroffen hat. Alan Grant sitzt im Hubschrauber, die Kinder liegen ihm im Arm und die tief stehende Sonne leuchtet ihn an. So geht mein großer Held, Alan Grant.
Mögest du in Frieden ruhen Sam Neill.
Bildquelle: Jurassic Park (1993), R.: Steven Spielberg

